Las Geel, Berbera

Somaliland ist sehr muslimisch angehaucht, was man momentan insbesondere wegen des Ramadan zu spüren bekommt. In der öffentlichkeit sieht man wirklich kaum einen, der ißt oder trinkt. Auch sonst ist das Straßenbild spürbar vom Islam beeinflußt, alle Frauen tragen ein Kopftuch, manche sind sogar komplett verschleiert, so daß man nur die Augen sieht. Auch sieht man in Cafés meistens nur Männer, und die wenigen Frauen bleiben unter sich, d.h. sie haben ihren eigenen Damentisch. Was auch auffällig ist, daß beim Ruf des Muezzin zum Gebet in Restaurants doch ein Großteil der Menschen aufstehen um ihrem Gebet nachzugehen.

Wie bereits erwähnt, sind die Somaliländer gegenüber Ausländern ja sehr offen und sprechen einen oft an. Aber wegen des großen Einflußes des Islam wäre natürlich nicht damit zu rechnen, daß Frauen einen anreden – aber sie tun es trotzdem. Und zwar erstaunlich oft, obwohl es ja in dieser Gesellschaft nicht vorgesehen ist, daß Männer und Frauen miteinander kommunizieren, die nicht miteinander verwandt oder verschwägert sind.

Kleine Straßenszene aus Hargeysa kurz vor Sonnenuntergang:

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Von Hargeysa aus haben wir über das Hotel eine Tour nach Las Geel gebucht. Ohne organisierte Tour ist es schwierig da hinzukommen, weil es ein gutes Stück entfernt von jeglicher Ortschaft liegt, wo man mit öffentlichem Transport hinkommen könnte. Außerdem braucht man eine Erlaubnis von irgendeinem Ministerium und einen Soldaten, der auf einen aufpaßt, wenn man dort hinfahren möchte.

Auf dem Weg sehen wir noch zwei Riesenschildkröten auf bzw. neben der Straße, wirklich riesige Tiere, sicher einen knappen Meter lang. Las Geel heißt übersetzt soviel wie Wasserstelle für Kamele. Aber das sehenswerte sind ca. 8000 Jahre alte Höhlenmalereien, die erstaunlich gut erhalten sind. Die Malereien befinden sich auf den Decken von überhängenden Felsen und stellen hauptsächlich Kühe, Menschen, Hunde und Messer dar. Die Bilder sind, obwohl sie nicht wirklich konserviert oder präpariert wurden, erstaunlich gut erhalten. Lustigerweise kommen die Farben auf den Fotos fast noch besser zu Geltung als in echt.

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Doch die Bilder sind nur ein Teil der Show, fast genauso späktakulär ist die Landschaft, in der die bemalten Felsen liegen – weite Steppe, durchzogen von trockenen Flußläufen, in der Ziegen und Kamele umherlaufen und von den Pflanzen essen.

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Unser begleitender Soldat ist auch ein netter Kerl, der sehr motiviert ist uns etwas zu zeigen. Lustig wird es, als er anfängt, auch die Sträucher zu essen, an denen sonst die umherlaufenden Ziegen nagen. Er zeigt uns auch, wie man aus dem trockenen Flußlauf Trinkwasser gewinnt: er gräbt einfach ein bißchen im Sand, bis die Grube mit klarem Wasser volläuft, welches er dann mit den Händen zum Mund führt. Ein echter Wüstenmensch halt. Und zum Abschluß unseres Aufenthalts in Las Geel sehen wir auch noch die Namensgeber des Ortes: Kamele die aus einer Pfütze im Flußlauf trinken und von den umherstehenden Sträuchern mit fingerlangen Dornen in aller Ruhe trinken und essen.

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Von Las Geel geht es weiter nach Berbera, der größten Hafenstadt in Somaliland. Da Berbera offensichtlich am Meer liegt, liegt es logischerweise auch auf Meereshöhe, und nicht auf dem Hochland, wo wir uns bisher hauptsächlich aufhielten. Die Folge sind Temperaturen um die 40 Grad, die auch nachts nur auf ca. 30 Grad abkühlen. Leider bin ich den Rest des Tages zu nichts mehr zu gebrauchen, da ich anscheinend etwas schlechtes Gegessen hab, und liege nur noch im Hotel herum.

Am nächsten Tag versuchen wir, in Berbera unser Schiff nach Jemen zu Organisieren. In Hargeysa haben wir um Hotel bereits etliche Tipps und Kontakte bekommen, also gehen wir direkt zum Hafen. Leider ist das Büro unserer Reederei wegen Ramadan Nachmittags geschlossen, also müssen wir warten. Wir sind dann zum Strand gefahren, um uns bei der Hitze zumindest etwas Abkühlung zu verschaffen. Und der Strand ist wirklich schön hier, sehr weit, wenige Menschen, glasklares und ziemlich warmes Wasser.

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Nach dem Baden bekommen wir einen Anruf, in dem uns leider mitgeteilt wird, daß das Schiff doch nicht wie geplant nachts losleggt, sonder erst einen Tag später, und das auch nur „maybe“. Abends gehen wir dann noch ein bißchen durch die Stadt, die leider einen etwas heruntergekommenen Eindruck macht, viele Häuse sind Ruinen, anscheinend noch vom Krieg Ende der 80er Jahre. Und im Hafen liegen einige Wracks durchaus größerer Schiffe herum.

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Hargeysa

Hargeysa ist die Hauptstadt von Somaliland. Sie versprüht auch ein gewisses Hauptstadtflair, aber andererseits merkt man auch sehr, daß es hier noch an vielem fehlt. Die wenigsten Straßen sind geteert, und wenn, dann sind sie trotzdem voll von Schlaglöchern und mit Sand bedeckt. Andererseits fahren hier im Vergleich zu Äthiopien wesentlich neuere Fahrzeuge auf den Straßen, komischerweise fast ausschließlich Rechtslenker, obwohl der Verkehr mehr oder weniger auf der rechten Seite fährt. Die meisten Autos sind Toyotas, viele aus Japan (man erkennt oft noch alte Aufschriften oder Aufkleber), die meisten aber, laut Auskunft Einheimischer, aus den Arabischen Emiraten, wo Linksverkehr zu herrschen scheint.

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Momentan ist hier ja Ramadan, d.h. tagsüber sind viele Geschäfte und insbesondere Restaurants geschlossen, aber dafür ist richtig viel los sobald die Sonne untergegangen ist. Zum Glück gibt es in unserem Hotel tagsüber auch etwas zu essen, obwohl die Speisekarte schon wesentlich eingeschränkt ist. Und nach Sonnenuntergang gibt es im Hotel ein kostenloses, leckeres Fastenbrechenessen, bestehend aus Dattelen, Sambusa (mit Gemüse gefüllte Teigtaschen), Gebäck und Obstsalat.

Wirkliche Sehenswürdigkeiten gibt es nicht in Hargeysa, wenn man von einem Kriegsdenkmal absieht, welches an die Bombadierung Hargeysas durch die Zentralregierung in Mogadischu im Jahre 1988. Aber ist das Geschehen auf den Märkten und auf den Straßen umso interessanter, wie man vielleicht auch auf folgendem Bild erkennen kann, was vom Dach eines an den Markt angrenzenden Hotels entstand.

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Was die ganze Geschichte auch interessant macht, ist die Neugier und Freundlichkeit der Somaliländer: man wird permanent mit „How are you?“ oder „Where are you from?“ angesprochen, die meisten wechseln dann gerne ein paar Sätze und schütteln Hände, freuen sich wenn man sagt daß man aus Deutschland kommt, und das erstaunlichste daran ist, daß fast keiner danach auf die Idee kommt, nach Geld zu fragen. Sie freuen sich einfach, daß sie Europäer sehen, von denen wir hier, abgesehen vom Hotel, kaum einen sehen. Und wenn dann wirklich mal Kinder kommen, um einen nach Geld zu fragen oder schreiend hinterherzulaufen, kommen schnell Ältere, die die Kinder wegschicken und sich für sie entschuldigen.

Was hier auch auffällig anders ist als in Äthiopien, ist daß fast jeder mit einem Handy herumläuft und dazu auch permanent am telefonieren ist. Es gibt hier auch nicht nur einen staatlichen Mobilfunkanbieter, sondern gleich vier private, die in reger Konkurrenz zueinander zu stehen scheinen.

Zu Essen gibt es hier im Hotel zum Frühstück leider nur Brot, Butter und Marmelade, und dazu Kaffee oder Tee, aber das liegt daran daß zu Ramadan das Menü eingeschränkt ist. Abends gibt es dann in den Restaurants Fisch oder Fleisch, als Beilage Milchreis oder Pasta mit Tomatensoße. Dabei üben sich viele Kellner in den Restaurants einer obskuren Sportart: das Essen möglichst schnell zu servieren, am besten noch vor den Getränken. Dazu rennen sie mit dem Essen durchs Restaurant, um den Teller dann, sobald der Tisch in Reichweite ist, über den Tisch zu werfen, damit er direkt bis vor den Gast rutscht. Die Zubereitung des Essens geht hier auch relativ schnell, da im Prinzip alles vorbereitet und fertig ist, und nur noch aus den Töpfen auf die Teller geschaufelt werden muß.

Somaliland: der Weg nach Hargeysa

Von Jijiga haben wir einen Bus nach Wajale genommen, der Grenzstadt. Die Busfahrt war ziemlich anstrengend, da der Bus nach allen Regeln der Kunst überfüllt war: die Bestuhlung sah pro Reihe zwei plus einen Sitz vor, dazu gab es jeweils im Gang einen Klappsitz, macht also 4 Sitze pro Reihe. Pro Reihe saßen jedoch mindestens 5 Personen, plus Kinder.

Am Ortseingang von Wajale gibt es eine Art Sicherheitscheckpoint, bei dem auf Waffen überprüft wird. Dazu sollte der ganze Bus aussteigen, was auch alle bis auf wenige Frauen gemacht haben. Draußen stellte sich dann eine Soldatin neben die Bustür und tastete die ersten paar Leute ab, die wieder einsteigen. Nachdem die Hälfte eingestiegen war verschwand sie jedoch wieder, und der Rest stieg unkontrolliert wieder ein, und wir fuhren weiter.

In Wajale selbst hielt der Bus dann, und wir sind zur Grenze gelaufen. Die Grenze selbst besteht aus einer Art Brücke über einen ausgetrockneten Fluß, vor welcher jeweils eine Schranke, bestehend aus zwei Stöcken, zwischen die ein Seil gespannt ist, steht. Im Flußbett liegen neben ein paar Pfützen und einer Menge Schlamm hauptsächlich unmengen von Müll. Außerdem gibt es einen regen Grenzverkehr durch das Flußbett, vorbei anden Grenzbuden. Neben der äthiopischen Schranke ist ein Unterstand, wo ein paar Soldaten abhängen, die uns erstmal in ein Büro schickten, wo wir uns Ausreisestempel geholt haben. Auf der somalischen Seite haben wir uns die Einreisestempel geholt und sind danach zum Taxistand, der direkt neben dem Grenzerbüro liegt, gegangen. Dort haben wir uns für ein Sammeltaxi entschieden, welches aus einem alten Toyota-Kombi bestand. Wir mußten noch eine ganze Zeit warten bis die übrigen Plätze belegt waren. In dieser Zeit sind wir dann noch ein paar mal auf die äthiopische Seite gegangen, um uns etwas zu Essen und zu Trinken zu besorgen, was auf somalischer Seite wegen dem Fastenmonat Ramadan nicht möglich war. Als das Taxi Abfahrtsbereit war, saßen ganze 12 Leute darin: vorne neben dem Fahrer noch eine Frau und zwei Kinder, wir auf der Rückbank zu viert mit einem somalischen Ehepaar, und nochmal vier im Kofferraum. Die vier im Kofferraum zahlten etwas weniger als wir, wir haben uns also sogar die Business-Class gegönnt.

Als es dann endlich los ging, fuhr das Taxi leider nicht weit, erstmal ging es zu einem Posten, wo nochmal die Pässe kontrolliert wurden, woraufhin einem Scherzkeks unter unseren Mitreisenden einfiel, daß er seinen Paß noch stempeln lassen mußte. Nachdem dies erledigt war, mußte das Taxi noch tanken. Und danach noch zu einer Bude, wo der Reifendruck überprüft wurde. Als wir dann endlich aus der Stadt raus waren und dachten, daß es jetzt voran ging, hielt der Taxifahrer plötzlich an, rief einen Jungen von einer nahegelegenen Werkstatt herbei, der erstmal einen Reifen demontierte und diesen in einem vorbeifahrenden Auto mitnahm. Nach etwa einer Stunde Wartezeit kam der Junge auf der Straße zurückgelaufen und rollte den Reifen vor sich her, der jetzt anscheinend repariert war. Als dieser montiert war ging es dann endlich wirklich los – mit ca. 20 km/h, da die Straße hauptsächlich aus richtig heftigen Schlaglöchern bestand.

Zum Straßenzustand muß ich jetzt noch einen kleinen Rückblick auf Äthiopien anbringen: die Hauptstraßen, auf denen wir in Bussen und Minibussen fuhren, waren fast vollständig asphaltiert, und zwar sehr ordentlich, mit Wassergraben daneben und ohne Schlaglöcher. An wenigen Stellen und auf einem Teil der Strecke zwischen Jijiga und Wajale war nicht geteert, aber die Baumaschinen und Bauarbeiter waren sichtbar fleißig am Arbeiten um die Lücken zu schließen. Äthiopien scheint ein Projekt zu verfolgen, die Straßenverbindung von Addis Abeba nach Berbera am roten Meer durchgehend zu asphaltieren, und ist auch schon ziemlich nach am Ziel mit diesem Projekt. Der Sinn dessen scheint zu sein, die Abhängigkeit von Djibuti, welches momentan den Löwenanteil des Seehandels für Äthiopien abwickelt, zu reduzieren.

Das folgende Bild entstand im Taxi nach Hargeysa, in dem wir zu viert auf der Rückbank saßen.

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Nach der Hälfte der Strecke wurde dann auch unsere Straße Richtung Hargeysa besser, d.h. geteert und einigermaßen schnell befahrbar. In Hargeysa sind wir dann ins Oriental Hotel gegangen, das bisher teuerste Hotel dieser Reise, aber auch das mit Abstand beste, mit warmen Wasser, sauberem Bad, täglichem Zimmerservice, und sehr gut englischsprechendem Personal.

Dire Dawa, Harar und Jijiga

Von Asbe Teferi ging es weiter nach Dire Dawa. Da unser Hotel, welches wir im Reiseführer vorgemerkt hatten, bereits voll war, sind wir im „Continental Hotel“ abgestiegen, unser Zimmer kann man auf folgendem Bild bewundern.

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In Dire Dawa gibt es einen Bahnhof der Bahnstrecke Djibuti – Addis Abeba, welche aber momentan nur zwischen Dire Dawa und Djibuti in Betrieb ist. Wir wollten den Bahnhof mal ansehen, was aber leider nicht möglich war, ein Aufseher hat uns weggeschickt. Am nächsten Tag haben wir beim Frühstück aber zwei ältere italienische Herren getroffen, die bei der Widerinstandsetzung des momentan nicht funktionierenden Streckenteils mithelfen. Sie erzählten uns daß die Europäische Union dazu Mittel bereitstellt, aber sie kommen nicht wirklich voran – in vier Jahren wurden ganze 4 Kilometer repariert. Teil des Problems scheint zu sein, daß die Schienen zusammengeschweißt werden müssen. In Europa macht man das eigentlich nur bei Hochgeschwindigkeitsstrecken, aber hier ist das auch nötig, weil die Schienen sonst geklaut werden.

Nachdem wir die Italiener verabschiedet hatten hat sich ein Junge zu uns an den Tisch gesellt und wollte uns mal wieder davon überzeugen, daß wir ihm Geld geben sollten. Seine Masche war, daß er Bücher für die Schule brauche. Spätestens als er sein Handy auspackte war jedoch klar, daß er nicht unbedingt zu den Bedürftigsten gehört. Da er sich nicht so leicht abwimmeln lies gaben wir ihm dann unsere äthiopische Handynummer – ein Fehler: ca. 30 mal versuchte er danach, uns anzurufen, meistens nur durch kurzes anklingeln. Manchmal gelang es mir abzuheben, worauf er dann anfangs lustige Ansagen machte wie „Where is my money?“ oder „You give me my money?“ (worauf ich antwortete „No“, was er wiederrum mit „OK“ kommentierte und auflegte). Als er merkte, daß bei uns nichts zu holen ist ging er dazu über Schimpfworte mit Fäkalbegriffen zu vermischen und uns diese anzusagen. Etwas später ist er uns dann auch nochmal auf dem Markt über den Weg gelaufen, und hat es wieder versucht – als ob wir jemandem Geld geben würden der uns vorher beschimpft.

Nach dem Marktbesuch in Dire Dawa sind wir mit dem Minibus weiter nach Harar gefahren und haben im Ras Hotel eingecheckt, welches zwar von Außen und von der Lobby her einen ganz passablen Eindruck machte, aber ein Zimmer zu bieten hatte, welches von der Größe her sicher auch in ein japanisches Schuhschachtelhotel gepasst hätte. Außerdem zeichnet sich das Hotel durch einen Zeitplan aus, zu dem es Wasser gibt, nämlich früh morgens und abends, nicht jedoch nachmittags. Das war insofern etwas ungünstig, da wir uns dadurch nicht in der Lage sahen, die Hinterlassenschaften unseres Vormieters im Klo zu beseitigen.

Ein kleiner Spaziergang durch die Stadt war durchaus lohnenswert. Die anschließende Hyänenfütterung, bei der ein Einheimischer täglich wilde Hyänen mit Schlachtabfällen füttert, war jedoch etwas enttäuschend, besonders weil sie im Lonely Planet als ziemlich spektakulär beschrieben wurde, und außerdem in Anbetracht der lokalen Gegebenheiten und der gebotenen Leistung ein richtiger Wucherpreis verlangt wurde.

Am nächsten Tag haben wir uns dann den Rest der Stadt inclusive zweier Museen angesehen. Interessant war vor allem das Museum, welches im Wohnhaus von Arthur Rimbaud untergebracht ist und Bilder von ihm zeigt. Dabei handelt es sich um einen französischen Abenteurer, der im 19. Jahrhundert als Araber verkleidet in Harar lebte. Außerdem sehenswert in Harar ist die Stadtmauer mit den dazgehörigen Toren.

Nach dem Mittagessen haben wir unser Gepäck aus dem Hotel geholt und sind weiter nach Jijiga gefahren. Glücklicherweise haben wir unweit des Hotels direkt einen Minibus gefunden, der nach Jijiga fahren wollte. So haben wir uns gespart, das Gepäck noch bis zum Busbahnhof zu tragen. Der Minibus ist dann trotzdem noch zum Busbahnhof gefahren, wo wir dann mal wieder die lustige, jedoch absolut undurchschaubare Choreographie der Minibusse beobachten konnten: diese stehen hier nicht einfach am Busbahnhof herum, sondern rangieren permanent herum, wechseln den Stellplatz, blockieren irgendwelche Zufahrten, stellen sich anders hin damit noch ein anderer Minibus parken kann, oder drehen einfach mal den Motor hoch um den Fahrgästen zu signalisieren, daß es demnächst losgehen könnte. Demnächst steht hier mitunter auch für längere Zeiträume, z.B. eine halbe Stunde. Wir haben das von einem Cafe neben dem Busbahnhof aus beobachtet, bis wir dann hastig zu unserem Minibus gerufen wurden, nur um festzustellen, daß es doch noch ein bißchen dauert. Gedauert hat es insbesondere deswegen, da der Fahrer und der Schaffner sehr damit beschäftigt waren, die riesigen Chat-Mengen der anderen Fahrgäste zu verstauen, die diese buchstäblich Säckeweise dabei hatten.

Die Strecke von Harar nach Jijiga ist landschaftlich wirklich sehenswert, man kommt dabei durch das sogenannte „Valley of Marvels“, welches sich durch groteske Steinformationen auszeichnet. Schade, daß wir mit dem Minibus unterwegs waren, sonst hätte man da mal aussteigen können.

In Jijiga war erstmal das erste Hotel voll belegt, in das wir einchecken wollten. Das zweite hat uns dann aufgenommen. Zum essen gab es erstmal somalisches Essen, Jijiga ist die Hauptstadt der Provinz Somalia in Äthiopien. Das somalische Essen bestand aus einem Haufen Reis, und dazu einem Klotz Fleisch aus dem Suppenkessel, dazu Guava-Saft. An sich ganz lecker, bloß frage ich mich wie man den Reis mit den Händen essen soll. Der Reis ist nichtmal ein Klebereis wie bei den Asiaten, sondern Milchreis, der also kaum mit dem Händen greifbar ist. Und Fladenbrot wie bei den Äthiopen, das man zum packen des Essens verwenden könnte, gab es auch nicht.

Nach dem Essen gab es Tee, an dem man wieder ein Phänomän dieser Region erkennen konnte. Die Äthiopier scheinen eine Technik perfektioniert zu haben, wie man möglichst viel Zucker in möglichst wenig Flüssigkeit lösen kann. Das merkt man insbesondere beim Konsum von Softdrinks wie Cola, Fanta oder Mirinda (das ist das Fanta-Pendant der Pepsi Corporation), die so süß schmecken, als würde man reinen Zucker lutschen. Die Somalis haben es offensichtlich geschafft, die Technik des Zuckerlösens zu kopieren und diese auf ihren Tee anzuwenden, der abgesehen von der Temperatur kaum von den hiesigen Softdrinks zu unterscheiden ist. Um diese Technik perfekt anzuwenden zu können, ist es selbstverständlich, daß der somalische Tee bereits beim Ausschenken gezuckert ist.

Nach dem Essen haben wir uns dann die mutmaßlich vorerst letzten Biers dieser Reise gegönnt, da ja die folgenden Länder aus religiösen Gründen eher auf den Verkauf alkoholischer Getränke verzichten. Schade eigentlich, ist doch das äthiopische Bier eines der wenigen Getränke, das ohne die obligatorische Überdosis Zucker auskommt.

Awash Park und Asbe Teferi

Auf dem Weg Richtung Osten sind wir am Awash-Nationalpark vorbeigekommen. Wir haben eine halbtägige Tour mit einem Fahrer, der sich uns vor unserem Hotel angeboten hat, gebucht.

Bereits im Reiseführer wurde angekündigt, daß man im Park nicht viele Tiere zu erwarten hat, hauptsächlich Vögel. Aber wir hatten ein bißchen Glück und haben mehrere Herden Oryxe, einige Antilopen und zwei Affenfamilien gesehen. Am spektakulärsten waren die Wasserfälle im Awash-Fluß, der wegen der gerade anhaltenden Regenzeit viel Wasser führt. Das Wasser ist deshalb auch richtig dunkelbraun und schießt mit gewaltiger Kraft die Wasserfälle hinunter. Es sieht aus wie ein überdimensionaler Schokobrunnen. Siehe auch das folgende Bild.

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Nach dem Besuch des Nationalparks sind wir zurück in die Stadt gefahren und wollten mit dem Bus weiter Richtung Osten fahren. Unser Fahrer hat uns zuerst Richtung Busbahnhof gebracht, meinte dann aber in Anbetracht der großen dort wartenden Menschenmenge daß es besser wäre, am Ortseingang zu warten. Dort haben wir uns dann in ein Café gesetzt um auf vorbeifahrende Busse zu warten. Damit diese auch anhalten, hat uns der Fahrer einben „Broker“ organisiert – das ist eine Persion, die sich für uns auf die Straße stellt und vorbeifahrende Fahrzeuge heranwinkt. Dabei hat unserer eine Art Tanz aufgeführt, bloß halt nicht um Regen herbeizurufen, sondern Transportmöglichkeiten. 2 Tees später hat das dann auch geklappt und wir haben Sitzplätze Richtung Asbe Teferi bekommen.

Asbe Teferi ist ein keiner Ort, im Reiseführer nur mit einem Satz erwähnt. Anzusehen gab es neben einem bunten Markt noch eine katholische Kirche. Und außerdem ist dieser Ort nahezu Farenji-frei. Farenjis ist der lokale Ausdruck für Ausländer, vermutlich eine Verballhornung von „French“. „Farenji“, oder je nach Region bzw. Dialekt auch „Farenj“ oder „Farenjo“ ist auch die gängige Anrede von Einheimischen gegenüber uns. Dabei legt so mancher, insbesondere Kinder, eine Art und Intonation an den Tag, mit dem er jedem marrokanischen Marktschreier in nichts hinterher stünde: sobald wir erspährt werden, ruft so manch einer so laut, oft und intensiv „Farenji“ als hätte er die besten und günstigsten „Farenjis“ weit und breit – dabei geht es eigentlich nur darum andere anwesende Kinder auf unsere Anwesenheit hinzuweisen.

Addis Abeba und der Rest von Äthiopien

In Addis haben wir uns noch diverse Museen angesehen. Diese sind z.T. etwas traurig anzusehen, weil die zum Teil wirklich schönen und sehenswerten Ausstellungsstücke weder beschriftet noch beleuchtet sind. Und außerdem ist eine starke Tendenz erkennbar, möglichst viele ähnliche Stücke in eine Vitrine zu stecken, statt einfach nur das schönste oder besterhaltenste Stück auszustellen. Inhaltlich gab es im Nationalmuseum hauptsächlich Kulturgegenstände aus vergangenen Zeiten, sowie Knochen von toten Menschen und Tieren, zu sehen. Im Stadtmuseum von Addis gab es ein paar nette Fotos, die die Entwicklung und Entstehung der Stadt illustrieren.

Wie bereits erwähnt sprechen ja viele Äthiopen mehr oder weniger Worte Englisch. Gerade bei denen, die mehr als nur ein paar Wörter kennen, sind die Gesprächsthemen interessant. Neben den Evergreens wie unserer Herkunft, unseren Namen sowie dem Alter geht es ziemlich oft direkt zur Sache: die Äthiopier benötigen Geld von uns. Dabei spielt die Form gar keine Rolle, das Geld kann gerne in Bar ausgezahlt werden, oder auch gerne in Chat, einer lokal sehr verbreiteten Droge welche durch längerandauerndes Kauen Rauschzustände erzeugt, oder in Alkohol. Bei denen, die jedoch nicht an Geld interessiert sind (oder aber nur in Hoffnung auf größere Mengen etwas mehr Konversation treiben wollen), ergibt sich jedoch ein ziemlich interessantes Bild. Viele wissen erstaunlich gut bescheid über die deutsche Politik. Und selbst der Oktopus der während der Fußballweltmeisterschaft Ergebnisse vorhersagen konnte hat hier weite Kreise gezogen und ist vielen Leuten bekannt (oft als „the fish“).

Von Addis aus sind wir nach Debre Zeyd gefahren, was nicht weit entfernt liegt. Der Ort selbst liegt zwischen zwei kleinen Seen. Wir sind um den einen See herumgelaufen, was laut Reiseführer ca. eineinhalb Stunden dauern soll. Am Anfang führte der breite Weg auch schön am Seeufer entlang, aber der großteil der Strecke führt durch das dichtbewachsene Ufer, was streckenweise eher den Geschmack einer Dschungeltour annahm: der Weg schwer erkennbar zwischen dichtem Gestrüpp, ab und zu verliert sich der Weg und man weiß nicht wo es weitergeht, aber dann trifft man plötzlich Menschen die Kaktusfeigen ernten und einem diese anbieten.

Debre Zeyd ist uns ansonsten vor allem wegen der akkurat gebauten und gut gepflegten Kopfsteinpflasterstraßen aufgefallen, wie man sie sonst eigentlich nur in deutschen Fußgängerzonen erwarten würde. Ansonsten ist noch bemerkenswert, daß es in diesem Ort um ca. 9 Uhr abends bereits schwierig war, ein Lokal zu finden, was noch Essen serviert. In anderen äthiopischen Orten, und damit meine ich nicht nur Addis, war zu dieser Uhrzeit wesentlich mehr los.

Je weiter wir Richtung Osten vorgestoßen sind, desto weniger wurden die Englischkentnisse der Einwohner. Für die Bestellung von Essen oder die Buchung eines Hotelzimmers hat es zwar immer noch gereicht, aber der Unterschied war spürbar. In Addis waren die meisten Schilder von Geschäften auch noch zweisprachig beschriftet, in Amharisch und in Englisch. Weiter im Osten sind die meisten Schilder zwar auch noch zweisprachig, aber in Amharisch und in Oromo, wobei sich letztere Sprache mit lateinischen Lettern schreibt und sich durch einen extremen Hang zu Doppelvokalen auszeichnet, der sich besonders bei der Transkription von Fremdwörtern bemerkbar macht. So wird aus einem Hotel ein „Hooteelu“.

Die Äthiopier sind von der Mentalität ja eher ruhig, aber dabei bestimmt. Die meisten auf der Straße herumlaufenden Menschen scheinen eine Art Auftrag zu haben, sie laufen nicht planlos herum, sondern gehen mit einem Ziel irgendwo hin. Nicht unbedingt so schnell und energisch wie Europäer, aber sie machen trotzdem einen gewissenb geschäftigen Eindruck. Manchmal jedoch ist dieser Eindruck schwer einzuschätzen: wir saßen vor einem Hotel beim Essen, als plötzlich mehrere Hotelangestellte mit diversen Gefäßen, wie Eimer und Töpfen, zu einem Wasserhahn eilten. Ich dachte mir schon, daß es vielleicht in der Küche brennen würde oder so etwas, da die Gefäße eilig mit Wasser befüllt wurden. Aber als der Erste mit einem Eimer loslief war sein Ziel ein Baum, der gegossen wurde.

Addis Abeba

Wir sind am Samstag Morgen um 3 Uhr nachts pünktlich gelandet, und erlebten gleich die erste Überraschung: nur ca. eine halbe Stunde später standen wir vor dem Flughafen, korrekt eingereist und mit Gepäck. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, daß wir wesentlich länger dafür brauchen würden, und daß es sich deswegen gar nicht mehr lohnen würde noch in ein Hotel zu gehen. So aber haben wir schnell ein Taxi genommen und waren um kurz nach vier im Bett, welches sich komfortablerweise auch als frisch bezogen und lausfrei herausstellte. Außerdem haben wir eine Dusche, die sogar warmes Wasser abgibt.

Wenn ich Äthiopiern erzähle, daß ich vor 5 Jahren schonmal hier war fragen sie mich, was sich verändert hat. Auf den ersten Blick: nichts, die Straßen sind voll mit Menschen, Autos und Schlaglöchern, sind staubig und stinken. Die Autos sind alt und heruntergekommen, es gibt viele unfertige Häuser.

Aber es gibt einige Dinge, die mir entweder das letzte mal nicht aufgefallen sind, oder die ich mittlerweile vergessen haben. Da wäre beispielsweise der Straßenverkehr. Der ist nämlich ziemlich zivil, fast übertrieben für ein südliches Land. Autos halten an Zebrastreifen an wenn Fußgänger die Straße überqueren. Blinker werden benutzt. Die Hupe benutzen eigentlich nur Taxis um potentielle Kunden auf sich aufmerksam zu machen.

Was mich außerdem positiv überrascht hat ist die Anzahl von Menschen, welche Englisch sprechen. Das tut zwar kaum einer perfekt, aber die meisten können zumindest ein paar Brocken, außreichend um eine Frage nach dem Weg zu beantworten oder eine Preisauskunft zu geben. Das hätte ich nicht erwartet, weil in wesentlich weiter entwickelten Ländern eben gerade einfache Leute, auch in Hauptstädten, selten auch nur ein paar Wörter Englisch herausbringen.

Hier ist momentan Fastenzeit, und zwar in doppelter Hinsicht. Die orthodoxen Christen verzichten komplett auf Fleisch und Milchprodukte. Die Moslems verzichten darauf, tagsüber Nahrung und Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Aber beide Fraktionen gehen relativ locker damit um, wie es scheint. Es ist kein Problem tagsüber Fleisch im Restaurant zu bestellen. Auch bekommt man Milch zu seinem Kaffe (auch wenn ich das nie bestellen würde). Und ein Moslem, mit dem wir uns vor eine Moschee unterhalten haben, bietet uns Datteln an. Er selbst verzichtet, er fastet ja.