Pjöngjang I

Am Bahnsteig in Peking laufe ich erstmal am Zug nach vorne, um die Lokomotive zu fotografieren. Nachdem das erledigt ist laufe ich nach hinten entlang auf der Suche nach Waggon 12, in welchem mein Abteil für die nächste Nacht liegen soll. Wagen 12 ist aber eindeutig ein chinesischer Großraumwagen mit Sitzplätzen, kein Schlafwagen. Der Schaffner schickt mich auch weiter nach hinten. Ganz am Ende des Zuges hängen dann noch zwei nordkoreanische Wagen, von außen durch andere Farbgebung und die Logos von dem Rest des Zuges zu unterscheiden. Der hintere, also der letzte des Zuges, hat tatsächlich auch die Nummer 12 und der Schaffner lässt mich nach genauer Betrachtung meines Fahrscheins in den Wagen. Vorher werde ich noch nach meinem Herkunftsland gefragt (obwohl dies auch auf dem Fahrschein angegeben ist), ich antworte Germany, worauf mir mit Deutschland geantwortet wird.

Von innen hat der Wagen dasselbe Layout wie die russischen und die chinesischen Schlafwagen, ist aber von deutlich neuerer Bauart als all jene, die ich vorher gesehen und befahren habe. Es gibt wie sonst auch an jedem Wagenende eine Toilette, aber zusätzlich gegenüber der Toilette jeweils mehrere Waschbecken im Gang. Die Abteile haben alle eine eigene Steckdose und sind klimatisiert – dementsprechend sind die Fenster auch nicht zu öffnen. Die Betten sind schon bezogen, auf den zweiten Blick auch bereits benutzt, aber trotzdem macht der Wagen einiges her. Als ich gegen 17:10 einsteige bin ich fast allein im Waggon. Die Toilette am einen Wagenende ist nicht benutzbar, da sie bis unter das Dach mit Kisten vollgeräumt ist. Die andere enthält ein Plumsklo (also keinen Sitz).

Kurz vor Abfahrt sehe ich dann auf dem Bahnsteig jede Menge Koreaner mit Unmegen an Gepäck. Die Koreaner sind insbesondere an ihrer Kleidung zu erkennen: entweder sie haben einen Anstecker auf ihrer linken Brust, welche ein Konterfei Kim Il-Sungs und eine koreanische Fahne enthält, oder sie tragen die typischen olivgrünen und ockerfarbenen Anzüge, für die Kim Jong-Il bekannt geworden ist. Ihr Gepäck besteht jeweils aus mehreren Koffern und Kisten, und fast jeder hat außerdem eine Kiste mit einem Flachbildfernseher dabei – manche nur 19″ groß, andere mit über einem Meter Diagonale.

Zuerst setzen sich zwei Kerle zu mir ins Abteil, die einen sehr runtergekommenen Eindruck machen. Kurz nachdem sie sich gesetzt haben kommt der Schaffner und will die Tickets einsammeln, und als er sie sieht, werden sie in strengem Ton weggeschickt.

Kurz darauf kommt ein anderer Mann in mein Abteil und verstaut seine Koffer. Er spricht ein wenig Englisch, der Schaffner akzeptiert auch seinen Fahrschein, so unterhalten wir uns ein wenig. Er ist ein in Peking arbeitender Programmierer und fährt für 2 Wochen nach Nordkorea, um seine dort lebende Familie zu besuchen. Er fragt, ob ich zu Abend essen möchte, und als ich ihm erkläre, im Speisewagen essen zu wollen, lädt er mich ein, mit ihm und einem Kollegen zu essen, der in einem anderen Wagen sitzt. Wir machen uns also auf, um in den nächsten Wagen zu gehen. Dort fällt mir auf, dass ungefähr die Hälfte der Abteile nicht mit Passagieren besetzt ist, sondern bis unter die Decke mit Gepäck vollgestopft  sind. Im nächsten Abteil angekommen essen wir zu dritt. Der Kollege meines Abteilpartners spricht auch ein bißchen englisch und ist ebenfalls Programmierer. Mir wird Bier eingeschenkt, ich bekomme koreanischen Schnaps, und es gibt jede Menge verschiedene koreanische Speisen (das Essen hätte locker auch für vier Personen gereicht). Die beiden sind echt sehr nett und freundlich, und es ist sehr interessant sich mit ihnen zu unterhalten. Das ganze ist außerdem sehr überraschend für mich – ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mit irgendwelchen Nordkoreanern ungezwungen und offen unterhalten würden könnte auf dieser Reise – und dazu werde ich noch zum Essen eingeladen!

Nach dem Essen gehen wir zurück in unser Abteil um zu schlafen, die beiden anderen Betten sind mittlerweile durch weitere Passagiere besetzt. Ich schlafe schnell ein, obwohl es noch nicht einmal zehn Uhr ist. Mitten in der Nacht wird es irgendwann laut, die beiden Schläfer auf den oberen Betten werden geweckt und anscheinend durch neue Passagiere ausgetauscht.

Ich wache relativ früh auf, weil sich die anderen im Abteil miteinander auf koreanisch unterhalten. Es ist zwar schon hell, aber als ich auf die Uhr schaue stelle ich fest, dass es erst 6:30 Uhr früh ist. Ich gehe kurz auf die Toilette und wasche mir das Gesicht, danach werde ich zum Frühstück eingeladen, von den zwei mir bisher unbekannten Abteilkollegen. Einer von beiden spricht auch ein paar Worte Englisch, der andere nicht. Der Englischsprechende ist Geschäftsmann, er ist Nordkoreaner, wohnt aber auch in China und fährt regelmäßig zwischen beiden Ländern hin und her. Kurz nach dem Frühstück kommen wir auch schon in Dondang an, der Grenzstadt auf der chinesischen Seite. Zuerst werden unsere Pässe von den chinsischen Grenzbeamten eingesammelt, etwa eine halbe Stunde später werden sie abgestempelt zurückgegeben. Eine Zollkontrolle findet nicht statt, nichtmal Zollerklärungen müssen ausgefüllt werden. Danach fährt der Zug mehrfach hin und her, es wird rangiert. Die chinesischen Waggons werden abgekoppelt. Nach ein bißchen Standzeit, die ich nutze, um den Eintrag über die Mongolei, den ich im Zug am Abend zuvor erneut geschrieben habe, über ein offenes WLAN hochzuladen, fährt der Zug gegen 10 Uhr über den Grenzfluss.

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Dondang von der Brücke über die Grenze aus betrachtet

Der Grenzfluss wird durch eine Stahlbrücke überspannt. Neben dem Gleis ist eine enge, einspurige Straße, auf der sich LKWs in Richtung Nordkorea stauen. Hinter der Brücke ist direkt ein Bahnhof, wo wir ersteinmal stehen bleiben. Der Bahnhof ist gerade eine Baustelle, es stehen schon Säulen für eine neue Bahnhofshalle, doch das Dach ist bisher nur ein Stahlgitter. Auch die Fußgängerunterführung ist noch nicht fertig, es gibt bisher nur Löcher neben denen Fließen für die Treppen gelagert sind. Dafür stehen Leitern zwischen dem Bahnsteig und den Gleisen, über die heruntersteigen kann um die Gleise zu überqueren.

Dann geht die nordkoreanische Grenzkontrolle los. Zuerst werden die Pässe eingesammelt. Dann kommt ein Zöllner, der die Zollerklärungen, die wir zuvor ausfüllen mußten, einsammelt. Danach müssen alle aus dem Abteil, und einzeln werden wir wieder hereingebeten um mit dem Zöllner das Gepäck anzuschauen. Ich darf als erster. Ich muß meinen Rucksack aufmachen. Der Zöllner wühlt ein bißchen, ist aber sehr freundlich und zurückhaltend. Als er mein Tolstoi-Buch findet freut er sich. Zu meiner Kamera und zu meinem Handy fragt er, ob diese GPS können. Als ich diese Frage bei meinem Handy mit Ja beantworte scheint ihm dies trotzdem egal zu sein. Danach sind die anderen dran. In den anderen  Abteilen stehen auch Zöllner, z.T. können die das Abteil ja gar nicht betreten, weil diese mit Gepäck gefüllt sind. Dort stehen sie davor mit einem Messer und schneiden Kisten auf um zu sehen was drin ist. Insgesamt sind alle Beamten sehr freundlich, die Koreaner scherzen sogar mit ihnen herum, es wird gelacht. Mit russischen Grenzbeamten wäre das sicher nicht so locker.

Nach dem Zoll kommt noch ein Soldat mit einem Metalldetektor (so wie am Flughafen, ein Handdetektor) und jeder wird damit kontrolliert. Das wars auch schon mit den Kontrollen, es gibt die Pässe zurück. Dann rumpelt es ein paar mal, es werden wieder einige Waggons an den Zug (der ja zwischenzeitlich nur aus zwei Wagen bestand) angehängt. Und dann ist erstmal Warten angesagt. Ich schaue mal auf den Bahnsteig raus und möchte ein bißchen am Zug entlanglaufen, aber schon als ich mich 5m vom Zug entferne werde ich von herumstehenden Soldaten zurückgepfiffen. Ein paar Minuten später werde ich vom Schaffner mit den Worten Hey Deutschland und einer zeigenden Geste angewiesen, wieder einzusteigen. Kurz darauf fährt der Zug auch los, es ist viertel nach eins (bei der Überfahrt über die Grenze haben wir eine Stunde verloren, weil Nordkorea eine Zeitzone weiter in der Zukunft liegt).

Im Abteil werde ich abermals zum Essen eingeladen. Außerdem zeigen wir uns gegenseitig unsere Pässe. Zwei der Abteilpartner haben einen roten Diplomatenpass und Stempel von Indien, Pakistan, Lybien etc. drin. Die beiden anderen (ja, wir sind irgendwie zu fünft im Abteil, und nachts wurde irgendwie durchgetauscht – eine Liege ist außerdem nur halb so breit weil da auch ein riesen Fernseher drauf steht) haben hauptsächlich chinesische und nordkoreanische Visa in ihren nordkoreanischen Pässen – ja, sie brauchen Aus- und Einreisevisa für ihr eigenes Land.

Nach dem Essen legen sich die anderen Schlafen, und ich schaue aus dem Fenster und fotografiere.

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Landschaft aus dem Zug fotografiert

Als erstes fällt mir auf, dass zwar, wie ich von anderen Reiseberichten gelesen habe, viele Fahrrädder auf den Straßen unterwegs sind. Dass jedoch keine Autos unterwegs sind kann ich keineswegs bestätigen. Viele LKW und auch einige Geländewagen fahren in beide Richtungen auf der Straße, welche die meiste Strecke in der Nähe der Gleise verläuft. Die meisten PKW und LKW sind relativ neue chinesische Fabrikate, aber jedoch gelegentlich auch ältere russische oder japanische Modelle. Wir fahren durch scheinbar endlose grüne Reis- und Maisfelder, die offensichtlich demnächst reif zur Ernte sind. Die Flüsse führen zwar alle Wasser, doch ist deutlich sichtbar, dass diese zu anderen Jahreszeiten deutlich mehr Wasser führen. Manche sind momentan nur ein dünner Rinnsal, aber Wasser ist trotzdem überall drin.

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Nordkoreanisches Dorf

Die Wagen sind zwar klimatisiert, und das auf Kühlschranktemperatur. Jedoch wird hier der Wagen jeweils eine halbe Stunde runtergekühlt bis alle frieren, und danach wird die Klimaanlage ausgeschaltet bis es fast zu warm wird. Draußen ist wahnsinnig schönes Wetter – blauer Himmel, Sonnenschein. Das gibt ein fast romantisches Bild wie wir da durch die Landschaft fahren, mit den grünen Feldern und den Menschen die gemütlich mit den Fahrrädern entlang fahren und gelegentlich von LKWs und Geländewagen überholt werden. Das will so überhaupt nicht in das Bild des immerbewölkten, grauen Landes passen, in dem es keine Autos gibt und alle soldatische Disziplin an den Tag legen müssen. Und dazu sind alle Koreaner, die ich im Zug kennengelernt habe, offen, überaus nett, versuchen sich mit mir zu unterhalten und laden mich zum Essen ein. Alles sehr unerwartet.

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Die Lokomotive in einer Kurve

Die Strecke hat ein paar wenige Tunnels, in denen der Zug immer stockdunkel wird – man  sieht dann wirklich nichtmal die Hand wenn man vor seinem eigenen Gesicht winkt. Und der Zug fährt auch nicht besonders schnell, meistens zwischen 40 und 50 km/h, manchmal kurz 60, manchmal aber auch nur 30. Die Fenster lassen sich zwar nicht öffnen, sind aber zumindest einigermaßen sauber, so dass man ein bißchen fotografieren kann. Auf den Bahnsteigen, die wir durchfahren, warten immer viele Menschen. 

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Angestellte Eisenbahnwaggons

Gegen 18 Uhr wird es draußen sichtbar urbaner, wir nähern uns Pjöngjang. Und um 18:45 sind wir dann da – ich meine fahrplanmäßig, doch ich werde später aufgeklärt, dass wir eine Stunde zu spät sind, die Stunde Unterschied ist offensichtlich wegen der Zeitverschiebung. Am Bahnhof in Pjöngjang herrscht ein großer Menschenauflauf, viele Leute sind auf dem Bahnsteig um Leute aus dem Zug zu empfangen. Ich lauf ein bißchen umher, bis ich meine Reiseleiter finde, Herr Kim, der gut deutsch spricht, und Herr Jong, der nur Englisch (und Chinesisch) spricht. Ich will noch zum vorderen Ende des Zuges, um die Lokomotive zu fotografieren, jedoch ist diese schon abgekuppelt und weggefahren. Vor dem Bahnhof wartet unser Auto, ein Kleinbus, mit einem Fahrer, der sich nicht mit Namen vorstellt. Hinten im Auto stehen drei Fahrräder.

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Ankunft in Pjöngjang

Wir fahren direkt zum Restaurant, eigentlich war noch ein kurzer Spaziergang durch die Stadt vorgesehen, aber der entfällt wegen der Verspätung. Im Restaurant gibt es Hot Pot, so ähnlich wie Fondue. Auch hier wieder anders als erwartet, es sind tatsächlich auch andere Gäste im Restaurant (in anderen Reiseberichten liest man immer davon, dass man mehr oder weniger allein sei in Restaurants). Wir haben aber ein separates Nebenzimmer für uns und unterhalten uns dort über das Reiseprogramm usw.

Nach dem Essen fahren wir ins Hotel, das im Stadtzentrum liegt. Dort gehe ich dann relativ zeitig ins Bett, der Tag war ja lang.

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